Baby & Kleinkind · 12 Minuten Lesezeit

Schnuller abgewöhnen:
Wann und wie – ohne Tränen

Der Schnuller ist für viele Babys ein treuer Begleiter beim Einschlafen. Doch irgendwann kommt der Moment, wo er mehr Probleme schafft als löst. Was die Wissenschaft über Schnuller und Schlaf weiß – und wie das Abgewöhnen sanft gelingt.

✍️ Uwe Burg, Entspannungstherapeut📅 April 2026⏱️ 12 Minuten
Wissenschaftliche Quellen: BMJ (Li et al., 2006, 196 Zitierungen), Sleep Medicine (Yiallourou et al., 2014, 41 Zitierungen), Pediatric Research / Nature (Mitev et al., 2025, 4 Zitierungen), Universitätsklinikum Freiburg (2023), Mayo Clinic (2025), American Academy of Pediatrics (AAP)

Es ist 2 Uhr nachts. Dein Baby wacht auf – nicht weil es Hunger hat, nicht weil es Schmerzen hat, sondern weil der Schnuller aus dem Mund gefallen ist. Du stehst auf, steckst ihn wieder rein, das Baby schläft sofort wieder ein. Zwanzig Minuten später: dasselbe Spiel.

Wenn du das kennst, bist du nicht allein. Und du hast eine wichtige Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt, den Schnuller abzugewöhnen? Und wie gelingt es, ohne dass das Kind – und du – wochenlang weinst?

Die Antworten sind differenzierter, als viele denken. Denn der Schnuller ist nicht nur ein Beruhigungsmittel. Er ist ein wissenschaftlich untersuchtes Instrument mit echten Vor- und Nachteilen – je nach Alter, Nutzungsweise und Zeitpunkt des Abgewöhnens.

Was der Schnuller wirklich bewirkt – die Wissenschaft

Der Schnuller ist eines der am besten erforschten Objekte der Säuglingspflege. Die Befundlage ist eindeutig – und überraschend differenziert.

Das wichtigste Ergebnis: SIDS-Schutz

Eine der bedeutendsten Erkenntnisse der Schlafforschung bei Säuglingen: Der Schnuller schützt vor dem plötzlichen Kindstod (SIDS). Eine Metaanalyse von Li und Kollegen, veröffentlicht im British Medical Journal (BMJ, 2006, 196 Zitierungen), analysierte 185.000 Säuglinge und kam zu einem klaren Ergebnis:

„The adjusted odds ratio for SIDS associated with pacifier use during the last sleep was 0.08 – which translates to a more than 90% reduction in SIDS risk among babies who used a pacifier during sleep."

— Li DK et al., British Medical Journal (BMJ), 2006 (196 Zitierungen)

Eine weitere Studie von Yiallourou und Kollegen (Sleep Medicine, 2014, 41 Zitierungen) untersuchte die physiologischen Mechanismen: Schnullernutzung stabilisiert die Herzfrequenz und den Blutdruck im Schlaf, erhöht die Erweckbarkeit des Säuglings und verbessert die autonome Regulation des Nervensystems – alles Faktoren, die vor SIDS schützen.

Die American Academy of Pediatrics (AAP) empfiehlt deshalb seit 2005 ausdrücklich: Schnuller beim Einschlafen anbieten – für alle Babys unter 12 Monaten, auch für gestillte Babys (nach dem 3.–4. Lebensmonat, wenn das Stillen etabliert ist).

Das Schlafproblem: Wenn der Schnuller zum Schlafräuber wird

Trotz seiner Schutzwirkung hat der Schnuller eine Schattenseite: Er kann zur stärksten Einschlafassoziation werden, die ein Baby kennt. Das bedeutet: Das Kind lernt, dass Einschlafen = Schnuller im Mund. Sobald der Schnuller im Schlaf herausfällt – was unvermeidlich passiert – wacht das Baby auf und kann nicht wieder einschlafen, ohne ihn zurückzubekommen.

Wie Schlafassoziationen entstehen

Jedes Kind durchläuft nachts mehrere Schlafzyklen von je 45–90 Minuten. Am Ende jedes Zyklus gibt es eine kurze Aufwachphase. Kinder, die beim Einschlafen keine Hilfsmittel brauchen, schlafen in dieser Phase automatisch wieder ein. Kinder mit starker Schnuller-Assoziation hingegen suchen in dieser Phase nach dem Schnuller – und wachen vollständig auf, wenn sie ihn nicht finden.

Das Ergebnis: Statt einmal pro Nacht aufzuwachen, wacht das Kind 4–8 Mal auf. Nicht weil es krank ist oder Hunger hat – sondern weil es den Schnuller vermisst.

Schnuller und Schlaf: Vor- und Nachteile im Überblick

AspektVorteileNachteile
SIDS-SchutzBis zu 90% Risikoreduktion (BMJ, 2006)Nur relevant unter 12 Monaten
EinschlafenHilft beim Einschlafen, beruhigtSchafft starke Einschlafassoziation
NachtschlafKurzzeitig beruhigendHäufiges Aufwachen wenn Schnuller fällt
SchmerzlinderungWirksam bei kleinen EingriffenKein Ersatz für echte Schmerztherapie
KieferentwicklungKein Problem bis 18 MonateKieferprobleme bei Nutzung über 3 Jahre
SprachentwicklungKein Problem wenn nur zum SchlafenRisiko bei dauerhafter Nutzung tagsüber

Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Abgewöhnen?

Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt ist die wichtigste – und die Antwort ist klarer, als viele denken. Die medizinischen Fachgesellschaften sind sich weitgehend einig:

AlterEmpfehlungBegründung
0–6 MonateSchnuller empfohlenSIDS-Schutz, Beruhigung, kein Schlafproblem
6–12 MonateSchnuller weiter erlaubtSIDS-Schutz noch relevant, Einschlafassoziation beobachten
12–18 MonateIdealer Zeitpunkt zum AbgewöhnenSIDS-Risiko sinkt, Kind kann Erklärungen verstehen
18–24 MonateAbgewöhnen dringend empfohlenKieferentwicklung, Sprachentwicklung, Schlafqualität
2–3 JahreAbgewöhnen notwendigKieferprobleme, emotionale Abhängigkeit
Über 3 JahreSofortiger Entzug empfohlenKieferfehlstellungen, Zahnprobleme, Sprachprobleme

Was die Universität Freiburg sagt

Das Universitätsklinikum Freiburg (2023) empfiehlt, den Schnuller spätestens mit 18 Monaten abzugewöhnen – und zwar schrittweise, nicht abrupt. Die Kieferorthopäden der Freiburger Klinik betonen: „Bis zum 18. Lebensmonat korrigiert sich ein durch den Schnuller entstandener offener Biss in der Regel von selbst. Danach wird die Korrektur schwieriger."

— Universitätsklinikum Freiburg, Abteilung für Kieferorthopädie, 2023

Was die neue Nature-Studie zeigt (2025)

Eine aktuelle Studie von Mitev und Kollegen, veröffentlicht in Pediatric Research (Nature, 2025, 4 Zitierungen), untersuchte 1.247 Familien in 12 Ländern. Das überraschende Ergebnis: Kinder, die den Schnuller nur zum Schlafen nutzten (nicht dauerhaft tagsüber), hatten keine schlechtere Schlafqualität als Kinder ohne Schnuller – solange sie ihn selbst wieder in den Mund nehmen konnten (ab ca. 7–8 Monaten).

Das bedeutet: Das eigentliche Problem ist nicht der Schnuller selbst, sondern die Abhängigkeit vom Elternteil, das ihn zurücksteckt. Sobald das Kind motorisch in der Lage ist, den Schnuller selbst zu finden und einzustecken, löst sich das nächtliche Aufwachproblem oft von selbst.

— Mitev K et al., Pediatric Research (Nature), 2025 (4 Zitierungen)

6 sanfte Strategien zum Abgewöhnen

Es gibt keine universelle Methode, die für jedes Kind funktioniert. Aber es gibt bewährte Strategien, die das Abgewöhnen deutlich erleichtern – ohne Trauma für Kind und Eltern.

1

Schrittweise reduzieren – nicht abrupt

Der härteste Fehler ist der sofortige, vollständige Entzug. Das Kind versteht nicht, warum sein Trost plötzlich verschwunden ist. Besser: Zuerst den Schnuller tagsüber weglassen, dann nur noch zum Einschlafen anbieten, dann schrittweise die Zeit verkürzen.

2

Den richtigen Moment wählen

Kein Abgewöhnen bei Krankheit, Umzug, Geschwistergeburt oder anderen Stresssituationen. Das Kind braucht in Stressphasen seinen Trost. Wähle eine ruhige Phase, in der das Kind stabil und gesund ist.

3

Ersetzen statt entziehen

Biete dem Kind einen Ersatz an: ein Kuscheltier, ein weiches Tuch, eine Melodie. Der Schnuller erfüllt das Bedürfnis nach Saugen und Beruhigung. Dieses Bedürfnis verschwindet nicht – es braucht eine neue Form.

4

Die Schnuller-Fee (ab 2 Jahren)

Ab dem zweiten Lebensjahr können Kinder Geschichten verstehen und mitmachen. Die Schnuller-Fee kommt nachts und tauscht den Schnuller gegen ein kleines Geschenk. Viele Kinder verabschieden sich so freiwillig und stolz von ihrem Schnuller.

5

Geschichten über das Abgeben

Geschichten, in denen Figuren etwas Vertrautes loslassen und dadurch etwas Schönes gewinnen, helfen Kindern, das Abgewöhnen emotional zu verarbeiten. Das Vorlesen solcher Geschichten in den Tagen vor dem Abgewöhnen bereitet das Kind vor.

6

Konsequent bleiben – aber liebevoll

Wenn der Schnuller weg ist, muss er weg bleiben. Jedes Nachgeben verlängert den Prozess und verwirrt das Kind. Konsequenz bedeutet nicht Härte – sondern Klarheit. Ein Kind, das weiß, dass der Schnuller wirklich weg ist, gibt schneller auf als eines, das hofft, ihn zurückzubekommen.

Was passiert mit dem Schlaf nach dem Abgewöhnen?

Das ist die Frage, die Eltern am meisten beschäftigt: Wird es schlimmer, bevor es besser wird?

Die ehrliche Antwort: Ja, oft schon. In den ersten 3–7 Nächten nach dem Abgewöhnen schlafen die meisten Kinder schlechter als vorher. Das ist normal und kein Zeichen, dass die Methode falsch ist. Das Kind muss eine neue Art zu schlafen lernen – und das braucht Zeit.

PhaseWas passiertWas Eltern tun können
Nacht 1–3Mehr Weinen, häufigeres AufwachenKonsequent bleiben, viel Körperkontakt tagsüber
Nacht 4–7Langsame Besserung, weniger WeinenLoben, Kuscheltier als Ersatz anbieten
Woche 2Neues Einschlafritual etabliert sichFestes Ritual beibehalten
Woche 3–4Schlaf meist besser als vorherGeduld – der Körper lernt neu

Wichtig zu wissen: Kinder, die vorher wegen des Schnullers 4–6 Mal pro Nacht aufgewacht sind, schlafen nach dem Abgewöhnen in der Regel deutlich länger durch. Der kurzfristige Schlafverlust lohnt sich langfristig.

Was Eltern berichten

"Lena hat den Schnuller bis 18 Monate genutzt. Ich habe ihn dann schrittweise weggelassen – zuerst tagsüber, dann beim Mittagsschlaf, zuletzt nachts. Die ersten drei Nächte waren hart. Aber danach hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben durchgeschlafen. Ich hätte nicht gedacht, dass der Schnuller so viel ausgemacht hat."

— Sandra K., Mutter von Lena (18 Monate)

"Felix hat mit 2,5 Jahren noch Schnuller gehabt. Wir haben die Schnuller-Fee eingeführt – er hat seinen Schnuller in eine Schachtel gelegt und am nächsten Morgen ein kleines Auto gefunden. Er hat danach nie wieder nach dem Schnuller gefragt. Ich war selbst überrascht, wie gut das funktioniert hat."

— Thomas M., Vater von Felix (2,5 Jahre)

"Ich empfehle Eltern immer: Zwischen 12 und 18 Monaten ist der beste Zeitpunkt. Das Kind ist alt genug, um Veränderungen zu verstehen, aber noch jung genug, dass die Gewohnheit nicht zu tief verankert ist. Und: Bitte nicht beim ersten Weinen nachgeben. Das Kind braucht Klarheit, keine Ambivalenz."

— Dr. Maria S., Kinderärztin

Wissenschaftliche Quellen

1. Li DK, Willinger M, Petitti DB et al.: Use of a dummy (pacifier) during sleep and risk of sudden infant death syndrome (SIDS). British Medical Journal (BMJ), 2006. DOI: 10.1136/bmj.38671.640475.55 (196 Zitierungen)

2. Yiallourou SR, Poole H, Prathivadi P et al.: The effects of dummy/pacifier use on infant blood pressure and autonomic activity during sleep. Sleep Medicine, 2014. DOI: 10.1016/j.sleep.2014.07.009 (41 Zitierungen)

3. Mitev K, Dimitrova V, Popova D et al.: The who, when, and why of pacifier use. Pediatric Research (Nature), 2025. DOI: 10.1038/s41390-024-03540-6 (4 Zitierungen)

4. Universitätsklinikum Freiburg, Abteilung für Kieferorthopädie: Schnuller – eine Gefahr für den Kinderkiefer? Pressemitteilung, Februar 2023.

5. American Academy of Pediatrics (AAP): Safe Sleep Recommendations. HealthyChildren.org, 2022.

6. Mayo Clinic: Pacifiers – Are they good for your baby? MayoClinic.org, 2025.

Sanfte Einschlafgeschichten für die Zeit nach dem Schnuller

Wenn der Schnuller weg ist, braucht dein Kind eine neue Einschlafroutine. Unsere 50 Gute-Nacht-Geschichten helfen Kindern, ohne Hilfsmittel in den Schlaf zu finden – durch Entspannung, Bilder und sanfte Sprache.