Die innere Uhr

Schlaf und Jahreszeiten – warum wir im Winter anders schlafen wollen

Im Winter früher müde, schwerer aufzustehen, mehr Schlafbedürfnis. Das ist keine Schwäche. Das ist Evolution.

8 Minuten
Uwe Burg

Jedes Jahr dasselbe: Im November werden die Tage kürzer, die Abende dunkler, und plötzlich fällt es schwerer aufzustehen. Man ist früher müde, schläft länger, und fühlt sich trotzdem nicht erholt. Viele interpretieren das als persönliches Versagen. Die Chronobiologie sagt: Das ist vollkommen normal.

Die saisonale innere Uhr

Die innere Uhr reagiert nicht nur auf den Tagesrhythmus von Licht und Dunkelheit – sie reagiert auch auf die Jahreszeiten. Im Sommer, wenn die Tage lang sind, schüttet die Zirbeldrüse Melatonin für kürzere Zeit aus. Im Winter, wenn die Nächte lang sind, verlängert sich das Melatonin-Fenster. Das Gehirn registriert: Es ist Winter. Mehr Dunkelheit. Mehr Schlaf.

Eine Studie der University of Washington (2021, veröffentlicht im Current Biology) zeigte, dass Menschen im Winter tatsächlich mehr REM-Schlaf haben als im Sommer – durchschnittlich 30 Minuten mehr pro Nacht. Das ist kein Einbildung, das ist messbare Biologie.

MerkmalSommerWinter
Melatonin-DauerKürzer (~8–9 Std.)Länger (~10–11 Std.)
Natürliche EinschlafzeitSpäterFrüher
REM-SchlafWenigerMehr (+30 Min. im Schnitt)
SchlafbedürfnisGeringerHöher
AufwachschwierigkeitLeichter (Helligkeit)Schwerer (Dunkelheit)

Winterdepression – wenn die Jahreszeit krankmacht

Bei etwa 1–3 Prozent der Bevölkerung in Mitteleuropa geht das saisonale Schlafmuster in eine Saisonal Affektive Störung (SAD) über – eine Form der Depression, die durch Lichtmangel ausgelöst wird. Symptome: anhaltende Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, übermäßiges Schlafbedürfnis, Heißhunger auf Kohlenhydrate.

Weitere 10–20 Prozent erleben eine mildere Form – das sogenannte Subsyndromale SAD oder "Winterblues". Hier ist die Grenze zwischen normaler saisonaler Anpassung und behandlungsbedürftiger Störung fließend.

Die wirksamste Behandlung für SAD ist Lichttherapie: 30 Minuten täglich vor einer 10.000-Lux-Lampe am Morgen. Mehrere Metaanalysen zeigen, dass Lichttherapie bei SAD genauso wirksam ist wie Antidepressiva – ohne Nebenwirkungen.

Was das für den Alltag bedeutet

Die praktische Konsequenz: Im Winter ist es biologisch sinnvoll, früher ins Bett zu gehen und – wenn möglich – etwas länger zu schlafen. Das ist kein Luxus, das ist die Antwort des Körpers auf eine kürzere Tageslichtphase.

Was hilft: Morgenlichtroutine auch im Winter (draußen gehen, auch bei Bewölkung), abends früher dimmen, den natürlichen Schlafrhythmus respektieren statt gegen ihn ankämpfen. Und: Geschichten am Abend, die den Übergang in die lange Winternacht begleiten – das hat eine lange kulturelle Tradition, die die Chronobiologie heute erklären kann.