Geschichten & Erzählkunst

Fantasiereisen als Einschlafgeschichte – was ist das und wie funktioniert es?

Das Kind ist selbst unterwegs – und das macht den Unterschied

8 Minuten
Uwe Burg

Das Wort "Fantasiereise" klingt nach Therapie. Nach Entspannungskurs. Nach etwas, das man in einem beheizten Seminarraum macht, mit geschlossenen Augen und einer ruhigen Stimme aus dem Lautsprecher.

Das stimmt alles. Aber es stimmt nicht vollständig. Denn Fantasiereisen sind im Grunde nichts anderes als das, was gute Gutenachtgeschichten schon immer getan haben: das Kind in eine andere Welt führen. Nicht durch Handlung. Nicht durch Spannung. Sondern durch Bilder. Der Unterschied ist nur, dass bei einer Fantasiereise das Kind selbst die Hauptfigur ist.

Was eine Fantasiereise von einer normalen Geschichte unterscheidet

In einer normalen Geschichte gibt es eine Figur. Der kleine Hase. Das Mädchen mit dem roten Mantel. Der Zwerg im Wald. Das Kind hört zu und begleitet diese Figur.

Bei einer Fantasiereise ist das Kind selbst unterwegs. Die Geschichte sagt nicht "der kleine Hase sieht den Mond". Sie sagt "du siehst den Mond". Nicht "das Mädchen spürt das weiche Gras unter den Füßen". Sondern "du spürst das weiche Gras unter deinen Füßen".

Das klingt wie ein kleiner Unterschied. Es ist kein kleiner Unterschied. Das Gehirn reagiert auf "du" anders als auf "er" oder "sie". Es aktiviert andere Bereiche. Es stellt sich nicht vor, was jemand anderes erlebt – es erlebt selbst. Und das macht die Entspannung tiefer.

Warum das beim Einschlafen so gut funktioniert

Wenn ein Kind einschlafen soll, ist das größte Hindernis meistens nicht Aufregung. Es ist das Kreisen der Gedanken. Das Kind denkt an den nächsten Tag. An das, was heute passiert ist. An das, was es vergessen hat zu sagen.

Eine Fantasiereise gibt diesen Gedanken keinen Platz. Nicht weil sie sie verdrängt, sondern weil sie den Kopf mit etwas anderem füllt. Mit Bildern, die schön sind. Mit Empfindungen, die ruhig machen. Mit einer Welt, in der es nichts zu lösen gibt.

Das Gehirn kann nicht gleichzeitig an morgen denken und sich vorstellen, wie es sich anfühlt, barfuß durch warmen Sand zu laufen. Eines von beidem gewinnt. Und wenn die Bilder konkret genug sind, gewinnen sie fast immer.

Wie eine Fantasiereise aufgebaut ist

Ankommen.

Die Reise beginnt nicht mitten in der Welt. Sie beginnt mit dem Übergang. Das Kind liegt in seinem Bett. Es atmet. Es wird ruhiger. Und dann – langsam – beginnt es, woanders zu sein.

Die Welt entfalten.

Was siehst du? Was hörst du? Was spürst du unter deinen Füßen? Was riechst du? Je mehr Sinne angesprochen werden, desto tiefer die Entspannung.

Nichts passieren lassen.

In einer Fantasiereise passiert nichts. Es gibt kein Ziel, das erreicht werden muss. Keine Aufgabe. Keinen Konflikt. Das Kind ist einfach da.

Sanft einschlafen lassen.

"...und du spürst, wie dein Körper schwerer wird, wie du tiefer und tiefer in dein weiches Kissen sinkst..." – oder die Geschichte einfach leiser werden lassen, bis sie aufhört.

Ein Beispiel, das man sofort verwenden kann

"Stell dir vor, du stehst auf einer großen Wiese. Es ist Abend. Die Luft ist warm und riecht nach Gras und ein bisschen nach Regen. Vor dir liegt ein Wald – dunkel, aber nicht bedrohlich. Eher wie ein großes, ruhiges Zimmer. Du gehst langsam darauf zu. Unter deinen Füßen ist das Gras weich und ein bisschen feucht. Du hörst die Grillen. Irgendwo weit weg ruft ein Käuzchen. Du gehst weiter, langsam, ohne Eile. Die Bäume werden größer. Es wird kühler. Und dann stehst du am Rand des Waldes und schaust hinein – und siehst, ganz tief drin, ein kleines Licht..."

Von hier aus kann man weitermachen oder aufhören. Das Kind ist bereits in der Welt. Es braucht keine Geschichte mehr. Es braucht nur noch Stille.

Für wen Fantasiereisen besonders gut funktionieren

Fantasiereisen funktionieren für die meisten Kinder – aber besonders gut für Kinder, die viel denken. Kinder, die abends noch lange wach liegen und grübeln. Kinder, die schwer loslassen können. Kinder, die tagsüber viel erleben und das alles noch verarbeiten müssen.

Für diese Kinder ist eine normale Geschichte manchmal zu passiv. Sie hören zu – aber ihr Kopf arbeitet trotzdem weiter. Eine Fantasiereise gibt dem Kopf etwas zu tun. Etwas Schönes. Etwas Ruhiges. Und das reicht meistens.

Was Fantasiereisen nicht sind

Eine Fantasiereise ist keine Hypnose. Sie ist keine Therapie. Sie ist keine Technik, die man "richtig" oder "falsch" anwenden kann. Sie ist einfach eine Geschichte, in der das Kind selbst unterwegs ist. Mehr nicht. Und das ist genug.

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Was eine Einschlafgeschichte grundsätzlich gut macht: Was macht eine Einschlafgeschichte wirklich schön?

Den großen Überblick gibt es hier: Die schönsten Einschlafgeschichten für Kinder

Oder tauche ein in die Methode dahinter: Was ist Traumdramaturgie? Uwes Methode erklärt

Uwe Burg ist Geschichtenerzähler und Gründer von Gute-Nacht-Lichter.