Geschichten & Erzählkunst

Einschlafgeschichten selbst erzählen – so geht's auch ohne Talent

Eine einfache Struktur, ein konkreter Einstiegssatz – und der Trick mit dem Namen des Kindes

7 Minuten
Uwe Burg

Die meisten Eltern, die ich kenne, glauben, sie können keine Geschichten erzählen. Sie sagen das so, als wäre es eine Tatsache. Als hätten sie es irgendwann einmal festgestellt und seitdem nicht mehr in Frage gestellt.

Ich glaube, das stimmt nicht. Ich glaube, sie haben es nie wirklich versucht. Oder sie haben es versucht – und es hat sich komisch angefühlt. Und dann haben sie aufgehört. Das ist schade. Denn eigene Geschichten sind für Kinder etwas anderes als gelesene Geschichten. Sie klingen nach der Stimme, die das Kind am besten kennt.

Der größte Irrtum: Geschichten brauchen eine Idee

Viele Eltern warten auf eine Idee. Sie denken: Ich muss mir etwas ausdenken. Eine Geschichte. Mit Anfang, Mitte, Ende. Mit einer Figur, die etwas erlebt.

Das ist der falsche Ansatz. Nicht weil Ideen schlecht wären. Sondern weil Einschlafgeschichten keine Ideen brauchen. Sie brauchen eine Welt.

Der Unterschied ist wichtig. Eine Idee ist etwas, das passiert. Eine Welt ist ein Ort, an dem man sein kann. Und abends, wenn ein Kind einschlafen soll, ist ein Ort viel wertvoller als ein Ereignis. Fang also nicht mit "Was könnte passieren?" an. Fang mit "Wo könnten wir sein?" an.

Eine einfache Struktur, die immer funktioniert

Ich habe über die Jahre eine Struktur entwickelt, die ich selbst benutze – und die ich Eltern empfehle, die anfangen wollen. Sie ist einfach. Fast zu einfach. Aber sie funktioniert.

Schritt 1: Einen Ort wählen.

Wald, Meer, Wiese, Berge, ein kleines Haus am Fluss. Irgendwo, wo es ruhig ist und das Kind sich vorstellen kann, dass es schön ist.

Schritt 2: Eine Figur hineinsetzen.

Ein kleines Tier. Ein Kind. Ein Zwerg. Eine Fee. Irgendjemand, der klein ist und friedlich. Keine Helden, keine Aufgaben, keine Probleme.

Schritt 3: Den Abend beschreiben.

Die Sonne geht unter. Es wird dunkler. Die Sterne kommen. Die Figur macht sich bereit zum Schlafen. Das ist alles. Das ist die Geschichte.

Was man sagen kann, wenn einem nichts einfällt

Hier ist ein Einstieg, den man wörtlich verwenden kann – und der fast immer funktioniert:

"Es war einmal ein kleiner Hase. Er lebte in einem kleinen Haus am Rand des Waldes. Heute Abend war es besonders still. Die Bäume standen ganz ruhig. Kein Wind. Nur das leise Rauschen des Baches, der ein Stück weiter durch die Wiese floss..."

Von hier aus kann man einfach weitermachen. Was sieht die Figur? Was hört sie? Was macht sie? Langsam, ohne Eile. Kein Konflikt. Kein Problem. Nur der Abend, der sich entfaltet. Wenn man nicht weiß, wie es weitergeht – einfach beschreiben, was die Figur gerade sieht. Den Mond. Die Sterne. Das Licht im Fenster. Das reicht.

Der Name des Kindes ist Magie

Eines der wirksamsten Mittel beim freien Erzählen kostet nichts und braucht keine Vorbereitung: den Namen des Kindes in die Geschichte einbauen.

Nicht als Hauptfigur – das kann zu aufregend sein. Sondern als jemanden, der zufällig vorbeikommt. Der Hase sieht ein Kind am Waldrand stehen. Es heißt [Name des Kindes]. Es winkt. Dann geht es nach Hause, weil es Zeit zum Schlafen ist.

Das ist alles. Aber für das Kind ist dieser Moment etwas Besonderes. Es ist plötzlich in der Geschichte. Es ist Teil der Welt. Und das macht die Welt echter – und das Einschlafen leichter.

Wenn die Stimme stockt

Jeder, der anfängt, Geschichten zu erzählen, kennt diesen Moment: Man stockt. Man weiß nicht, wie es weitergeht. Die Stille fühlt sich falsch an.

Sie ist es nicht. Eine kurze Pause in einer Einschlafgeschichte ist kein Fehler. Sie ist ein Atemzug. Was man in einer Pause tun kann: einfach beschreiben, was gerade ist. "Und dann... war es ganz still." Das ist kein Lückenfüller. Das ist ein Satz, der das Kind tiefer in die Ruhe zieht.

Und wenn man wirklich nicht mehr weiß, wie es weitergeht: "Und dann schloss der kleine Hase die Augen. Und schlief ein. Und träumte von..." – und dann einfach aufhören. Das Kind schläft meistens, bevor der Traum zu Ende ist.

Was passiert, wenn man es öfter macht

Das erste Mal fühlt sich komisch an. Das zweite Mal auch. Aber ab dem dritten oder vierten Mal passiert etwas Merkwürdiges: Es wird leichter. Nicht weil man besser geworden ist. Sondern weil man aufgehört hat, sich zu beobachten. Und dann – irgendwann – erzählt man einfach. Ohne Plan. Ohne Angst. Einfach so, wie man auch mit jemandem spricht, dem man vertraut. Das ist das Ziel. Nicht eine perfekte Geschichte. Sondern ein Abend, an dem die Stimme ruhig ist und das Kind zuhört.

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Was eine Einschlafgeschichte wirklich gut macht, erklärt: Was macht eine Einschlafgeschichte wirklich schön?

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Uwe Burg ist Geschichtenerzähler und Gründer von Gute-Nacht-Lichter.